Napier

Die Nacht war ruhig. Nur der starke Wind hat oben auf der Klippe manchmal etwas am Van gerüttelt. Heute geht es zurück an die Ostküste, und zwar nach Napier / Ahuriri, die Art déco Stadt Neuseelands und „Art déco Capital“ der Welt. Nur South Beach Miami hat ähnlich viele Art déco Gebäude. Da die Stadt im Februar 1931 durch ein Erdbeben der Stärke 7,8 und das anschließende Großfeuer komplett zerstört wurde, wurde alles danach in dem Stil wieder aufgebaut worden. Es war die größte Naturkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Neuseeland. Leider habe ich nicht gewusst, dass jährlich in der zweiten Februarhälfte in Napier ein Art déco Festival stattfindet. Dieses Jahr war es vom 19. bis 22.02., und endet somit heute.
Unterwegs gibt es nicht viel zu sehen. Es ist eine Zeit eine allgemeine Besonderheit für Neuseeland zu erwähnen, und zwar gibt es in jedem noch so kleinen Ort eine kostenlose öffentliche Toilette, die in der Regel auch sauber ist. Hinweisschilder weisen einem den Weg. Außerdem gehören scheinbar ein Liquor Shop, ein Golf Club und ein Friedhof zur Standardausstattung.

Der Campingplatz ist in Haumoana, etwas südlich von Napier. Nachdem ich einen schönen Platz gefunden habe „markiere“ ich den mit meinem Tisch und den Campingstühlen, weil ich nochmal wegfahren möchte.
Ich hatte beobachtet, dass viele das so machen und es scheinbar gut funktioniert. Nur ein paar Kilometer entfernt ist das Cape Kidnappers (Te Kauwae-a-Māui). Dort gibt es mit circa 6500 Brutpaaren die weltweit größte, zugängliche Kolonie von australasischen Tölpeln. James Cook gab dem Ort seinen Namen aufgrund eines Ereignisses, das 1796 zwischen der Endeavour Crew und den Māori stattfand. Er schrieb, dass die Māori ein Crew-Mitglied entführt hatten. 2015 wurde die Version des Ereignisses, wie die Māori es erzählen anerkannt. Darin heißt es, dass Cook einen jungen Māori gefangen hielt, der gerettet werden sollte.
Leider muss ich feststellen, dass die Route bei Google Maps offensichtlich auf alten Informationen beruht, den weiter als bis Clifton kommt man nicht. Nachdem 2019 zwei Touristen bei einem Erdrutsch an der Steilküste verletzt wurden und 2023 auch der mehr als 70 Jahre bestehende lokale Trecker-Transport eingestellt wurde, gibt es aktuell nur zwei Möglichkeiten dorthin zu kommen. Man kann von Clifton entweder zu Fuß am Strand entlang gehen, allerdings sind es 19 Kilometer Hin und Zurück (min. 5–6 Stunden) und man muss Ebbe und Flut berücksichtigen. Oder man bucht für NZ$ 99 eine Fahrt in einem Minibus, der direkt zur Kolonie fährt (Abfahrt 9:00 oder 13.30 Uhr). Sehr schade. Vom Campingplatz sieht man die Steilküste, jedoch das Cape selbst wird von dem letzten Zipfel noch verdeckt.

In den nächsten Tagen will ich übersetzen auf die Südinsel. Als ich am Abend nach passenden Fährverbindungen suche, stelle ich fest, dass dies ein richtiges Problem ist. Ich suche zuerst eine Fähre für übermorgen, aber alles ist ausgebucht. Ich schaue, wann der nächstmöglich Tag wäre und bin erschrocken, dass erst in circa 4 Wochen ein freier Platz buchbar wäre. Der ganze Reiseplan scheint in dem Moment wegen der Fähre geplatzt zu sein. Natürlich kann man auch komfortable auf die Südinsel fliegen, aber ich brauche dort ja den Camper. Als ich Wayne um Rat frage, da tut sich noch eine unerwartete Möglichkeit auf. Als er ebenfalls nach Fährverbindungen sucht, beginnt er nicht wie ich Übermorgen, sondern bereits Morgen und siehe da für morgen Abend ist tatsächlich noch etwas frei. Sofort buche ich mir einen Platz, der jedoch unverschämt teuer ist (NZ$ 411 = 210 €). Dennoch bin ich erleichtert, auch wenn ich meinen Aufenthalt auf der Nordinsel nun abrupt abbrechen muss.
Es gibt zwei Linien, die die Route Wellington-Picton durch die Cook Strait bedienen (Interislander und Bluebridge). Offensichtlich ist es wegen der Verfügbarkeit und auch wegen des Preises empfehlenswert, wenn man weit im Voraus bucht, allerdings können Fähre wetterbedingt auch ausfallen. Eine gewisse Flexibilität muss man also mitbringen. Jetzt im Nachhinein denke ich, dass es aufgrund von Stornierungen vermutlich des Öfteren möglich ist, noch sehr zeitnahe Tickets, wie in meinem Fall, zu buchen. Ist natürlich Glücksache und preislich nicht sonderlich attraktiv, da die Fähren ohnehin schon teuer sind.



Von Napier / Ahuriri nach Wellington / Te Whanganui-a-Tara sind es circa 4 Stunden Fahrt. Da meine Fähre erst um 19:30 Uhr geht, habe ich also noch genug Zeit mich in Napier etwas umzusehen. Um 7 Uhr lugt die Sonne langsam über das Kliff.

Bis auf die Mülltonne könnte es fast ein authentisches Bild aus den 1930er Jahren sein.

Die Häuser erinnern mich ein bisschen an die „Painted Ladies“ am Alamo Square in San Francisco, auch wenn die Häuser dort noch älter und vor allem größer sind.

Der 1938er Packard Super Eight fällt hier im Straßenbild gar nicht besonders auf.

Der endlose, breite Strand ist fast menschenleer.

Auch dieses wieder aufgebaute Gebäude ist ein Sinnbild für Art déco.

Im Inneren befindet sich heute die National Distillery Company, die Gin und Wodka herstellen. Das Bild vor den Apparaturen zeigt frei interpretiert Judith, die ihre weiblichen Reize dazu einsetze Holofernes im Schlaf zu enthaupten, um ihr Volk zu retten.

Ich fahre noch hinauf zum Bluff Hill Aussichtspunkt. Der Weg führt durch ein Wohngebiet, in dem tolle Häuser stehen. Das ist sicher keine günstige Gegend. Die Aussicht ist weniger schön als gedacht. Direkt vor einem ist ein hässlicher Containerterminal und der Blick über die Stadt ist durch den Bewuchs nicht möglich. Ich schaue nur mal kurz mit der Drohne etwas über die Bäume Richtung Stadt. Da die Drohenbenutzung hier aber nicht erlaubt ist, lande ich lieber gleich wieder.

Es ist kurz nach 11 Uhr und ich mache mich langsam auf den Weg nach Wellington / Te Whanganui-a-Tara. Knapp vier Stunden später komme ich dort an. Es bleiben mir also noch knapp 3 Stunden bis ich am Fährterminal sein muss. Ich verbringe etwas Zeit davon in der Stadt. Während von 1841 bis 1865 noch Auckland die Hauptstadt Neuseelands war, so ist es seit 1865 Wellington.

Ausserdem fahre ich noch zu den Red Rocks, um ein paar Seelöwen zu sehen. Ab dem Visitor Center ist die Straße jedoch nur noch für 4 WD zugelassen. Anstelle der Seelöwen findet hier gerade irgendeine Film- oder Videoproduktion statt.

Fast eine halbe Stunde nach der geplanten Abfahrt komme ich erst auf die Fähre. Ich stelle fest, dass es die Position, die ich in der Schlange habe, nicht optimal ist, denn ich werde auf ein Zwischendeck geleitet, dass hydraulisch hochgefahren wird. Das heißt nachher bei der Ankunft müssen erstmal alle, die unter dem Deck stehen, das Schiff verlassen. Bis es endlich losgeht, ist es auch schon dunkel. Es ist eine sehr ruhige Überfahrt, die 3,5 Stunden dauert. Leider gibt es nichts zu sehen, da es dunkel ist.
Auch wenn die Cook Strait ja an der schmalsten Stelle nur 22 Kilometer breit ist, so sind es mit der Fähre von Pier zu Pier circa 100 Kilometer. Der Hafen in Picton liegt tief im Queen Charlotte Sound der Südinsel.

Zum Campingplatz sind es nur knapp 20 Minuten Fahrt. Durch die Verspätung komme ich dort erst um 1 Uhr nachts an. Vorausschauend hatte ich schon bevor ich auf die Fähre gefahren bin alles so weit vorbereitet, dass ich nur noch parken muss und gleich ins gemachte Bett gehen kann.